DRECKLOCH BUKAREST
"Auf unserem Enthusiasmus liegt Staub"
Sonntag, 18. Juli 2010
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Der Maler Nicolae Comanescu vor einem Selbstporträt
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Bukarest gehört neben Kiew und Sofia zu den schmutzigsten Hauptstädten Europas. Expertenschätzungen zufolge atmen allein die Bukarester täglich bis zu 9 Tonnen Feinstaub ein.
Der 42-jährige Maler Nicolae Comãnescu gehört zu den zeitkritischen Künstlern der rumänischen Hauptstadt. Er arbeitet inzwischen mit Staub bzw. produziert daraus die Farben für seine Bilder. Annett Müller sprach mit dem Künstler über Sauberkeit, Trägheit und Stadtbauern.
Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Durch meinen Wohnblock. Die Bukarester lieben es, ihre Teppiche am Fenster auszuschütteln. Alles, was sie an Dreck herausklopfen, fliegt durch die offenen Fenster der Etagen darunter. Ich habe nie erlebt, dass sich jemand darüber aufgeregt hätte. Jeder schüttelt als Reaktion einfach nur seinen Staub weiter auf die Etagen unter sich aus. Ich wohne im Erdgeschoss in einem Achtgeschosser im Stadtteil Berceni. Die einzige Revanche, die mir für die Teppich-Klopfer einfiel, war, mit Staub zu malen. Früher habe ich mit teurem Öl und Acryl gearbeitet und mich furchtbar aufgeregt, wenn ich Staub auf meinen Bildern gefunden habe. Er hat sich aber in den vergangenen Jahren so vermehrt, dass ich ihn einfach nicht mehr losgeworden bin. Er hat sich förmlich aufgedrängt.
Ihre Bilder − teils in Grau- und Braun-Tönen gehalten − erzählen von den Extremen der Hauptstadt: Triste Wohnblöcke, dazwischen Müll, aber auch teure Autos. Zählt der Staub auch zu den Extremen von Bukarest?
Der Staub ist ein Charakterzug von Bukarest − auch deshalb wollte ich, dass er in meinen Stadtporträts auftaucht. Ich sage immer, bei uns ist selbst der Staub politisch. Er erzählt vom städtebaulichen Chaos: Es gelten kaum Richtlinien für Unternehmer, um beispielsweise auf den unzähligen Baustellen der Stadt den Staub einzudämmen. Zudem sind in den vergangenen Jahren die Grünflächen massiv reduziert worden. Der Bukarester Staub ist aschegrau und ockergelb und stammt auch aus den Auspuffrohren der über einer Million Fahrzeuge, die sich täglich durch die Stadt quälen. Unser Staub knirscht in unseren Zähnen, sitzt in Nase und Kleidung fest. Wir wehren uns weder gegen den Staub noch gegen seine Quellen.
Warum nicht?
Die erdrückende Korruption innerhalb der Politik ist ein Grund, weshalb sich diese Stadt nicht bewegt. Der zweite Grund ist unsere Gleichgültigkeit. Wir organisieren uns kaum. Das ist ein Überbleibsel des Kommunismus, wir haben vor der Wende zu selten für unsere Rechte eingestanden. Doch es gibt auch eine gewisse rumänische Schwerfälligkeit an diesem Ort. Wenn Sie Rumänen im Ausland begegnen, werden Sie davon nichts spüren. Aber in Bukarest gibt es die Trägheit massenhaft. Wenn wir eines Tages wissen, warum wir so träge sind, wird es hier auch wieder aufwärts gehen.
Der Bukarester Oberbürgermeister Sorin Oprescu will, dass alle mit anpacken. Er veranlasste ein Gesetz, wonach die Bukarester jeden Samstag zwischen 9 und 12 Uhr ihre Bürgersteige mit Wasser und Besen sauber schrubben. Was halten Sie davon?
Auf den ersten Blick ist es eine gute Maßnahme, um die Stadt sauberer zu machen. Andererseits ist sie entmutigend, weil sie das Pferd von hinten aufzäumt. Wir kehren vor unserer eigenen Haustür, während parallel weiter Grünflächen verschwinden und keine Sanktionen für den Staub der Baustellen eingeführt werden. Metaphorisch gesehen, ist die Regelung wie ein Regenschauer. Haben Sie Bukarest schon einmal nach einem Regen erlebt? Das Wasser steht über den Gullis und kann nicht ablaufen. Auch dieses System bedarf einer Renovierung. Wenn wir also mit Wasser und Besen gegen den Staub vorgehen, kann er nirgendwo hin abfließen. Das ist entmutigend.
Es gibt in Bukarest private Reinigungsfirmen, die in den verschiedenen Stadtteilen zumeist aber nur den Schmutz an den Bordsteinen aufkehren. Die Einwohner müsste doch stören, dass sich hingegen der Schmutz auf ihren Bürgersteigen weiter ansammelt?
Die Bukarester ertragen vieles. Es gibt bei uns den Ausdruck des ,Stadtbauern‘ - eine Mischung aus Bauer und Stadtmensch. Er ist das Ergebnis eines kommunistischen Experimentes. Die Menschen wurden durch die Industrie genötigt, die Dörfer zu verlassen und sich in der Stadt anzusiedeln. Sie haben ihre alten Werte des dörflichen Zusammenlebens abgelegt, aber die neuen Normen einer Stadtgemeinschaft nie akzeptiert. Das zeigt sich in der Nostalgie nach den Höfen, in denen man machen kann, was man will. Das spielt sich jetzt alles vor den Wohnblöcken ab. Riechen Sie den Bratenduft, der gerade von draußen durch das Fenster dringt? Jemand grillt mitten vor dem Eingang seine Würstchen. Ich glaube nicht, dass man in unserem Wohnblock gerade diskutiert, wie unverfroren es ist, solch einen Rauch zu produzieren. Man fragt sich vielmehr, wie viel die Würste wohl gekostet haben. Und ob sie mit süßem oder scharfem Senf gegessen werden.
Haben Sie schon etwas vor Ihrem Wohnblock verändert, weil es Sie gestört hat?
Als ich 1997 in den Wohnblock in Berceni gezogen bin, habe ich mir extra Muttererde bringen lassen, um vor dem Haus ein Rasenstück anzulegen und anzupflanzen. Die Nachbarn aus dem Wohnblock haben mich bewundernd und zugleich melancholisch angesehen und gesagt: ,Schau, der ist neu, der ist noch voller Hoffnung.‘ Sie haben eine Zigarette dabei geraucht und ihre Stummel auf die frisch umgegrabene Erde geworfen. Es ist ihnen gar nicht in den Sinn gekommen, dass das ein entsetzlicher Affront gegen mich war. Bis heute habe ich es nicht geschafft, ihnen beizubringen, die Zigarettenstummel nicht mehr über den Balkon zu werfen.
Unser aller Enthusiasmus hat in den vergangenen Jahren oft Niederlagen erlebt. Es hat sich Staub auf ihn gelegt. Vielleicht sind wir auch deshalb so träge.