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Déjà-vu mit grausamen Maulhelden und hirnlosen Tierliebhabern


Déjà-vu mit grausamen Maulhelden und hirnlosen Tierliebhabern
Seltenes Hundeglück: Adoptivhündin Bella
Foto: Dana Cîrjan, Rundfunkredakteurin
und Adoptivmutter Bellas

Eine Frau ist in Bukarest von herrenlosen Hunden totgebissen worden. Die Ärzte, die die Frau zu retten versuchten, sprachen vom schwersten Fall, den sie je gesehen hätten, buchstäblich zerfleischt sei das Opfer gewesen, der Anblick der Wunden selbst für hartgesottene Weißkittel nur mühsam zu ertragen. Aber bloß keine Aufregung, liebe (Tier)Freunde, ein Menschenleben ist hierzulande nicht viel wert. Abgesehen von Stammkunden der Internetforen, die sich in armseligen Tiraden bekämpfen – die einen überbieten sich in imaginativer Grausamkeit und fordern die Endlösung des Hundeproblems (z.B. „die Streunenden auf die Müllhalde bringen, mit Benzin übergießen und bei lebendigem Leib verbrennen lassen“), die anderen geben gar dem Opfer die Schuld („Was hatte die gute Frau denn in der Gegend zu suchen, außerdem war sie vielleicht betrunken“) –, ist das Thema wohl kaum für eine Diskussion tauglich, die nach ein paar Tagen nicht wieder abflauen würde. Schließlich haben wir zurzeit ja auch keinen Wahlkampf, der den Konkurrenten um das Bürgermeisteramt ein Aufwarten mit etwaigen (vernünftigen) Lösungsvorschlägen lohnenswert erscheinen ließe.

 

Das Problem der Straßenhunde ist zweifelsohne hausgemacht. Ich wage es zu behaupten, dass die Bukarester größtenteils nicht Tierliebe, sondern eher Mitleidsdusel kennzeichnet. Sonst wäre das Problem erst gar nicht entstanden. Ein Hauptstadtmythos gibt Ceaușescu die Schuld für die schätzungsweise 50.000 Streuner (die Dunkelziffer ist mindestens doppelt so hoch). Als in den Spätachtzigern zahlreiche Häusersiedlungen mit Gärten den größenwahnsinnigen Stadtbauplänen des Conducators zum Opfer fielen, ließen die meisten, in Plattenbauten umgesiedelten Bürger ihre Vierbeiner einfach laufen. Für die inzwischen auf „câini comunitari“ (zu deutsch in etwa: gemeinschaftliche Hunde) umgetauften Tiere will auch heute kaum jemand die Verantwortung übernehmen (geschweige denn adoptieren), wenn die Stadtverwaltung sie aber einsammeln will, bilden sich spontan Bürgerwehren, die die Aktion immer wieder vereiteln. Das rumänische Wort für Hundefänger ist übrigens ein Lehnwort aus dem Deutschen (hingher < Henker; in Siebenbürgen und im Banat auch șintãr< Schinder).

 

Die Tiere sind für ihre Instinkte natürlich nicht schuldig, sie stecken ihre Gebiete ab und verteidigen sie, nötigenfalls mit den Zähnen – tierisch eben. Das kommt den Wächtern und sonstigem Sicherheitspersonal von öffentlichen wie privaten Einrichtungen und Grundstücken ganz gut gelegen: Man kann sich gemütlich mit der Schnapsflasche in sein Häuschen zurückziehen – die Arbeit übernehmen die Tiere. Wenn Passanten angegriffen werden, ergibt das eine willkommene Abwechslung im öden Arbeitsalltag, nur widerwillig und dämlich grinsend werden die Hunde zurückgepfiffen, Anwohner gaffen belustigt. Ganze Straßenzüge werden von aggressiven Rudeln dominiert – und von den Rentner- und Hausfrauenkohorten, die die Tiere füttern und päppeln, sich aber gleichzeitig über Meuten im Nachbarviertel furchtbar aufregen. Ist das Liebe für den besten Freund des Menschen? Nein, ich nenne das hirnloses Verhalten der zusammengewürfelten und in ihrer Sozialisation behinderten Einwohner einer destrukturierten Stadt, die nie ein kohärentes Entwicklungskonzept hatte.

 

Tierschutzvereine zu verteufeln, weil sie angeblich Haushaltszuwendungen und Gelder aus international finanzierten Projekten zur Sterilisierung der Hunde unterschlagen würden, so die gängige Meinung der Bukarester, ist ein weiterer Volkssport. Die Tierschützer selbst tun allerdings herzlich wenig, um dem schlechten Leumund entgegenzuwirken. Auf der Homepage der rumänischen Niederlassung von Vier Pfoten wurde im September 2010 groß angekündigt, dass die Kastrationskampagne auf Hochtouren laufe – rund 70 Vierbeiner am Tag würden dadurch der unkontrollierten Fortpflanzung entrissen. Die Nachricht ist auch auf Deutsch in einer Pressemitteilung derselben Stiftung für Tierschutz nachzulesen. Eine einfache Rechnung ergibt, dass in diesem Takt die Maßnahme erst in knapp zwei Jahren greifen könnte, vorausgesetzt, sie läuft rund um die Uhr und die Tiere vermehren sich in dieser Zeit überhaupt nicht. Wir wollten der Sache etwas nachgehen – gleich zweimal schrieb Kollege Alex Gröblacher die Pressereferentin von „Vier Pfoten“ damals an (siehe Bildschirmaufnahmen 1 und 2), mit der höflichen Bitte um Einzelheiten bezüglich der Sterilisierung. Die Antwort? Nichts, nada, niente.

 

Erst im April vergangenen Jahres wollte die Stadt erneut radikale Maßnahmen ergreifen. Die in speziellen Unterkünften untergebrachten Herrenlosen (Verpflegungskosten pro Vierbeiner: 73 €/Monat) sollten binnen sieben Tagen eingeschläfert werden, wenn sie niemand adoptiert, so eine bereits im Dezember 2001 verabschiedete Regierungsverordnung. Mit der Regelung sollten auch die Adoptionsbedingungen strenger gehandelt werden. Wer mehr als zwei Hunde mit nach Hause nehmen wollte, musste eine tiergerechte Unterkunft haben und ausreichende Einkommensverhältnisse unter Beweis stellen, außerdem den Segen der Hausmitbewohner einholen. Und Menschen, die ein bereits adoptiertes Tier wieder auf der Straße aussetzen, sollten mit einem Bußgeld in Höhe von 2.000 bis 5.000 Lei (ca. 480 – 1200 €) bestraft werden. Doch die Umsetzung scheiterte am lauten Protest der heimischen und internationalen Tieschützer, wie alle vorangegangenen Versuche. Mehr noch: Der Bukarester Senator Marius Marinescu schaffte es 2008, ein abgeändertes Tierschutzgesetz durchzuboxen, mit dem die Einschläferung (mit Ausnahme der chronisch kranken Tiere) generell untersagt wurde (s. Art. 8 im verlinkten Gesetzestext).

 

Ich bin zwar kein vorbehaltloser Befürworter der radikalen Vorgehensweise, die alles andere als human ist. Doch wenn Menschen totgebissen werden, wenn Eltern um ihre Kinder bangen müssen, weil selbst Spielplätze und Parks vor den Stromern nicht sicher sind, wenn mitleidvolle Herzen die Vierbeiner zwar retten, nicht aber auch Verantwortung für sie übernehmen wollen, und wenn schließlich Tierschutzvereine undurchsichtig agieren, muss man sich fragen, was alles noch passieren muss, damit endlich ein wirksames Konzept auf die Beine gestellt wird und damit ein absurd verlorenes Menschenleben mehr als nur ein Achselzucken hervorruft.


Der Kommentar

Rumänischer EU-Parlamentarier Severin: Ehrloser geht’s wohl nicht

Dienstag, 22. März 2011 von Anne Warga

Adrian Severin scheint es offenbar nichts auszumachen, im Europäischen Parlament mittlerweile zur Persona non grata geworden zu sein: Nach seiner am Montagabend stattgefundenen Unterredung mit Martin Schulz, dem Fraktionsvorsitzenden der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament (SPE), der ihn umgehend nach Brüssel bestellt hatte, teilte der rumänische Sozialist kurzangebunden mit, aus der Fraktion der Sozialdemokraten im EP auszutreten, verweigerte jedoch die ultimative Konsequenz − nämlich den Rücktritt aus der europäischen Legislative.

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Blog

Vom Dialog der Tauben und einem Schimmer Hoffnung

Sonntag, 06. Februar 2011 von Sorin Georgescu

Unser vorangegangener Blogeintrag über das Problem der Bukarester Straßenhunde hat einige heftige Reaktionen hervorgerufen; die Palette ging dabei von Bedenken gegenüber manchen Formulierungen bis hin zur Beschuldigung, wir würden „Pogrome gegen Hunde“ befürworten und eine regelrechte „Hetzkampagne“ gegen Tierschützer betreiben, um bei den mildesten Ausdrücken zu bleiben.

Nun, der Titel und meine Wortwahl waren streckenweise vielleicht etwas überspitzt oder nicht eindeutig genug, und ich bin bereit, Kritik dafür einzustecken, kann aber nicht akzeptieren, dass mir die Worte im Mund verdreht werden. Daher möchte ich hier einiges klarstellen, um die Missverständnisse ein für allemal auszuräumen:

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