Medien in selbstgebrauter Tinte
Donnerstag, 16. Februar 2012
Die Auflagenstelle BRAT hat gerade die neuesten Zahlen über die Auflagen rumänischer Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht - Fazit des Berichts ist, dass die verkauften Auflagen in letzter Zeit um die Hälfte eingebrochen sind. Das muss niemanden wundern, am wenigsten die Medienmacher selbst, die sich diese Suppe selbst eingebrockt haben.
Natürlich haben die Pleiten auf dem rumänischen Medienmarkt auch objektive Gründe: Die Krisen der letzten Jahre oder die Einbrüche auf dem Werbemarkt. Aber es gibt auch hausgemachte Strategiefehler. So haben viele Medienmanager die tatsächliche Geschäftstauglichkeit des Mediums Internet falsch eingeschätzt. Und es gibt, gemessen am Werbemarkt, zu viele Titel. Mergers sind angesichts des aufgeplusterten Ego der Medienzare unmöglich. Aber das größte Problem ist die Einstellung zum Verbraucher. Wenn man nur Auflagen und Marktquoten und Klicks zählt und denkt, dass man mit Sex&Gewalt langfristig Erfolg hat, verkennt man den Suchteffekt: Der Leser gewöhnt sich schnell an die Droge und braucht immer mehr, um high zu werden. Irgendwann aber ist eine Schwelle erreicht, wo nichts mehr hilft - der Süchtige stirbt oder entzieht, der Medienkonsument wendet sich ab. In dieser Phase sind wir nun.
Das Timing der Veröffentlichung der Auflagenzahlen war reiner Zufall, stimmte aber perfekt, denn noch war der jüngste Skandal der rumänischen Medienwelt nicht verhallt: Irgendein Anonymer hatte Ex-Regierungschef Emil Boc beim Umziehen im Fitness-Club heimlich gefilmt. Die Person hatte den Film einem Bukarester Skandalblatt angeboten, doch selbst für die hartgesottenen Journalisten dort waren die Aufnahmen mit dem splitternackten, zu dem Zeitpunkt noch amtierenden Regierungschef unbrauchbar. Nicht so für den TV-Sender Antena 1, der in einer eigentlich als Laufsteg für die vielen Flittchen und Schickimickis des rumänischen Möchtegern-Jetsets gedachten Show das Filmchen mit dem premierministerialen Gluteus Maximus zeigte. Ganz am Rande: Wahres Opfer war allerdings nicht Emil Boc, sondern Liberalenchef Crin Antonescu, der wie ein Anfänger in die Falle des Moderators tappte und akzeptierte, zu einem nicht näher genannten "politischen Skandal" - die Aufnahme deute auf ein Versagen des staatlichen Personenschutzes für Würdenträger - telefonisch in der Sendung Stellung zu nehmen. Antonescu, der 2009 für eine "Revolution des Anstands" eintrat, ist somit unten durch. Ein Politiker, der im Präsidentschaftsrennen von 2014 antreten will und sich Hals über Kopf in eine Show stürzt, ohne auch nur eine blasse Ahnung zu haben, worum es geht, ist schlicht und einfach dumm, egal was er dann tatsächlich dort verzapft.
Sofort empörten sich die journalistischen Gutmenschen über ihre Kollegen und über Antonescu. Was aber einem über die Internetauftritte der Zeitungen entgegenschlägt, ist pure Heuchelei. Wenn unter dem Meinungsartikel, in dem sich der Autor beklagt, wie tief die Presse und die Politik gesunken seien, eine belanglose Story über ein semianalphabetisches Busenwunder der rumänischen Pornoszene steht, ist die Empörung falsch. Wollen Medien ihre gesellschaftliche Relevanz nicht verlieren, müssen sie schnell wieder ihre Glaubwürdigkeit erlangen. Das bedeutet allerdings ein Umdenken der Produktpolitik, wozu, denke ich, kaum jemand fähig ist.