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Vom Dialog der Tauben und einem Schimmer Hoffnung


Unser vorangegangener Blogeintrag über das Problem der Bukarester Straßenhunde hat einige heftige Reaktionen hervorgerufen; die Palette ging dabei von Bedenken gegenüber manchen Formulierungen bis hin zur Beschuldigung, wir würden „Pogrome gegen Hunde“ befürworten und eine regelrechte „Hetzkampagne“ gegen Tierschützer betreiben, um bei den mildesten Ausdrücken zu bleiben.

 

Nun, der Titel und meine Wortwahl waren streckenweise vielleicht etwas überspitzt oder nicht eindeutig genug, und ich bin bereit, Kritik dafür einzustecken, kann aber nicht akzeptieren, dass mir die Worte im Mund verdreht werden. Daher möchte ich hier einiges klarstellen, um die Missverständnisse ein für allemal auszuräumen:

 

Kein einziger Punkto-Redakteur befürwortet die Massentötung der Tiere, geschweige denn die Verteufelung der Tierschützer. Im Gegenteil: Der Artikel war aus Ratlosigkeit über die Dialogunwilligkeit aller Betroffenen entstanden – und aus der Befürchtung, dass bis zum nächsten totgebissenen Menschen die Diskussion über eine wirksame – und menschliche! – Lösung in dieselbe Endlosschleife gerät wie seit 20 Jahren.

 

Die Frau, die beim unglücklichen Zwischenfall ums Leben kam, war Angestellte einer Recycling-Firma, sie wollte – laut Medienberichten – im Auftrag ihres Arbeitgebers einen Container vom Hof einer öffentlichen Einrichtung der Stadt Bukarest abholen, als sie angegriffen wurde. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft, um herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist, dass die Hunde im Hof der Behörde frei herumliefen, und warum keine Wächter da waren, die das Opfer womöglich hätten retten können. Der Vorfall ereignete sich übrigens am hellichten Tage. Das Gelände war gesperrt, es wird vermutet, dass die Dame mit Einverständnis der zentralen Behörde über den Zaun kletterte, ohne zu ahnen oder davon unterrichtet worden zu sein, dass zahlreiche Hunde im Hof leben und das Gelände als „ihr“ Gebiet betrachten. Ein tragischer Unfall, sicherlich, der sich aber jederzeit wiederholen könnte, wenn die Umstände ähnlich sind. Denkbar wäre z.B., öffentliche und private Einrichtungen, die Streuner in größerer Anzahl quasi „adoptiert“ haben, zu verpflichten, die Tiere zumindest während der Öffnungszeit in sicheren, getrennten und auch artengerechten Arealen zu halten. Sonst hat wieder niemand die Verantwortung.

 

Die Kritik galt in erster Linie meinen Mitbürgern, die sich zwar für tierlieb halten, mit ihrem nur schwer verständlichen Verhalten aber vom Gegenteil zeugen. Aus dem bislang einzigen zivilisierten E-Mail-Austausch, den wir mit einer in Bukarest aktiven Tierschützerin hatten, erfuhren wir auch von anderen relevanten Beispielen, etwa Bukarester Tierhalter, die ihre (wohlgemerkt unkastrierten) Vierbeiner auf Straßenhündinnen loslassen, um „ihre Hormone abzubauen“, so die Mitteilung der äußerst zuvorkommenden Dame, mit der wir gerne in Kontakt bleiben wollen. Oder Menschen, die Welpen samt Mutter „entsorgen“, weil der eigene Hund nicht kastriert wurde. Vielen Dank für die Information, ich sehe, wir stimmen darin überein, dass solche Beispiele das Bild vom rumänischen „Tierliebhaber“, der in Wirklichkeit keiner ist, eigentlich wunderbar ergänzen. Dieser Menschensorte galt das – zugegeben wenig schmeichelhafte – Eigenschaftswort „hirnlos“, nicht den Tierschützern.

 

Ich habe auch nicht gesagt, dass es für alle in den 1980ern umgesiedelten Menschen leicht gewesen wäre, ihre Vierbeiner in die Plattenbauwohnung mitzunehmen. Aber die damals am meisten gehörte Rechtfertigung für die Aussetzung war in etwa: „Das Tier würde es doch schwer in einer Wohnung ohne Garten haben, lieber lasse ich es laufen.“ Ceauºescus unselige Stadtbauplanung und die Armut – die in so manchen Fällen sicherlich ausschlaggebend waren – sind folglich nicht die einzigen Ursachen des Problems, wie viele vielleicht noch glauben.

 


Die Aktivität der Tierschutzvereine ist prinzipiell zu begrüßen, deren mangelhafte Öffentlichkeitsarbeit dürfen wir aber trotzdem kritisieren, auch mit dem Risiko, gleich mit abstrusen Anschuldigungen konfrontiert zu werden. Ein Fortschritt wäre, wenn man sich eingesteht, dass Bukarest kein „sogenanntes“, sondern ein echtes Problem mit den Herrenlosen hat und dass der Wunsch der Rumänen legitim ist, in ihrer Hauptstadt keine Dritte-Welt-Verhältnisse mehr im Zusammenleben von Mensch und Tier zu haben. Selbstverständlich heißt das nicht, dass man sich über grausame „Lösungsvorschläge“ nicht aufregen darf, die alles andere als europäisch wären.

 

Wenn manche Tierschützer jedoch auf Presseanfragen nicht reagieren, jede Kooperation mit Behörden und ihnen nicht nahe stehenden Tierärzten ablehnen und wenn Tierfreunde generell nach dem Motto „wir machen alles richtig, alle anderen machen alles falsch“ handeln, ist das die denkbar schlechteste Politik. Tierschützer-Schlechtmachen in der Boulevardpresse mit Journalisten-Bashing im Internet zu begegnen, um sich dann auch noch über das schlechte Image der Aktivisten bei den Bürgern zu wundern, erweist der Causa Tierschutz einen Bärendienst. (Und einem Land als hypothetischem Ferienziel mit dem Boykott der tierliebenden Urlauber zu drohen, ist gar kindisch.)

 

Viel sinnvoller wäre es, wenn Tierschützer z.B. bei Impf- und Sterilisierungskampagnen Journalisten einladen, sie zu begleiten, und auch sonst die hiesigen Medien regelmäßig mit konkreten Zahlen, überprüfbaren Informationen und – wenn möglich – Fotos beliefern, anstatt nur vage Statements im Internet zu veröffentlichen und jede Kommunikation mit dem Verweis auf „Verleumdungskampagnen“ von vorne rein abzublocken. Und eventuelle Kritik an etwaigen Unzulänglichkeiten miteinkalkulieren und gut einstecken können, sozusagen als Motivation für eine noch bessere Pressearbeit. Natürlich kann man nicht erwarten, dass alle Medien jedes Mal und ausschließlich positiv über die Tätigkeit der Tierschutzvereine berichten, eine professionelle und erfolgreiche Pressearbeit erfordert nun mal Nachhaltigkeit. Was vor allem für kleine Vereine sicherlich nicht immer leicht sein dürfte. Bei etwaiger Kooperation mit unberechenbaren und populistischen Kommunalpolitikern, die Initiativen der Tierschützer zeitweilig vielleicht unterstützen, sei zudem äußerste Vorsicht empfohlen, Politiker missbrauchen nicht selten den guten Glauben der Tierliebhaber für eigene Zwecke.

 

Und schließlich sollte eine sachlich geführte Diskussion darüber möglich sein, ob in bestimmten Einzelfällen zuständige Behörden (mit Zustimmng amtlicher Tierärzte) die Einschläferung aggressiv gewordener, nicht resozialisierbarer Tiere, die Leben und Gesundheit der Menschen und anderer Tiere gefährden, anordnen dürfen oder auch nicht. Die Frage ist zweifellos strittig, und eine Emotionalisierung lässt sich bei diesem Thema wohl kaum vermeiden, da auch zu klären ist, wer darüber und nach welchen Kriterien entscheidet, wann ein Tier eine Gefahr darstellt. In manchen Ländern oder Regionen ist das erlaubt (z.B. in Nordrhein-Westfalen, s. das örtliche Hundegesetz, § 12, Absatz 3), in anderen Ländern (darunter auch Rumänien) nicht. Tierschützer lehnen Einschläferung in der Regel ab, was ihr gutes Recht ist. Eine Debatte, in der Experten (z.B. Tierärzte und Ethologen) ihre Argumente hören lassen, wäre trotzdem nützlich, nicht zuletzt, um der in Rumänien vorherrschenden Meinung entgegenzuwirken, den Tierschützern seien die Menschen gleichgültig.

 

Fazit: Die Bukarester müssen ihren Umgang mit Tieren überdenken, die Tierschützer und Behörden professionellere Medienarbeit lernen. Ein bisschen mehr Vertrauen zueinander und Bereitschaft zum unvoreingenommenen und zivilisierten Dialog wären schon ein gewaltiger Schritt nach vorne.


Der Kommentar

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Nun, der Titel und meine Wortwahl waren streckenweise vielleicht etwas überspitzt oder nicht eindeutig genug, und ich bin bereit, Kritik dafür einzustecken, kann aber nicht akzeptieren, dass mir die Worte im Mund verdreht werden. Daher möchte ich hier einiges klarstellen, um die Missverständnisse ein für allemal auszuräumen:

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