Winter der Empörung
Montag, 16. Januar 2012
Vor etwa einem Monat sagte Erste Bank-Chef Andreas Treichl, dass die Sparmaßnahmen in Rumänien "brutal" und für westeuropäische Länder unvorstellbar gewesen seien, dass aber Menschen im Osten Brutalität gewohnt sind.
In ganz Rumänien platzte der Kragen der Gewohnheit am letzten Wochende. Aus welcher Naht genau ist aber schwerer zu sagen.
Demonstrationen in über 20 Großstädten sind nicht von der Hand zu weisen, selbst wenn die Zahl der Protestler zumeist bloß in die Hunderte ging. Wer die Parolen gehört und die Plakate der Protestler gelesen hat, erkennt schnell, dass hier weder allein die Gesundheitsreform noch die gekürzten Löhne, das Manöver der zusammengelegten Wahlen, das umstrittene Goldbauprojekt Rosia Montana, die riesigen Politikervermögen, die Korruption und vieles andere auf dem Spiel steht - sondern alles zusammen und ein wenig von jedem. Die allgemeine Unzufriedenheit mit der Politik und der heimischen Art, Politik zu machen, hat sich mit geballter Kraft entladen; dass der Auslöser eine Unterstützungsdemonstration für die Symbolfigur der Rettungsdienste war, zählt fast gar nicht mehr. Weil Präsident Traian Basescu sich wie kein anderer Politiker nach 1989 als Landesvater aufführte, ist es nur verständlich, dass die Wut der Demonstranten sich gegen ihn richtet.
Was zwischen Freitag und Sonntag im Land passiert ist, orientierte sich am Stil der Demonstrationen der spanischen Indignados. Die Bevölkerung außerhalb von Bukarest ist friedlicher, die Ordnungskräfte auch, das Leben pulsiert langsamer. In der Hauptstadt hingegen erinnerte die Demonstration an den Verfassungsplatz in Athen, aber auch an die Krawalle in den Londoner Stadtteilen Brixton, Enfield oder Islington.
Ja, es kam zu Ausschreitungen. Sie sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten friedlich demonstriert haben - und, glaubt man den zahllosen Storys, die jetzt auf Facebook und Twitter die Runde machen, am Ende von der Gendarmerie viel härter angefasst wurden als nötig. Diese friedliche Menschenmenge war kaum homogen: da waren Antikapitalisten und Antiglobalisten darunter, Rentner und Behinderte, Studenten und Arbeitslose, Beamte und Lehrer, Kleinunternehmer und Ärzte. Die Atmosphäre im Land ist für sie alle untragbar geworden. Mit Kürzungen können Menschen hier schon umgehen, sie haben es nie sehr gut gehabt. Aber wenn millionenschwere Politiker mit dem Finger auf Behinderte mit 40 Euro Einkommen im Monat zeigen und sie faule Drückeberger nennen, kann es langfristig nicht gut gehen.
Wie es mit den Protesten weiter geht, weiß niemand richtig. Sie entwickeln eine eigene Dynamik. Opposition und Gewerkschaften haben Blut gerochen und dürften nun die institutionelle Komponente der Demonstrationen ausbauen. Auch wenn beide unglaubwürdig sind, würde etwas mehr Organisation nicht schaden.